Archiv für April 2008

Einfach mal Touri sein

Endlich bin ich nach dreieinhalb Monaten Australien mal raus aus meinem kleinen Kaff gekommen in die Städte aller Städte in Oz – Sydney. Vom 22. bis zum 26. April war ich also in der wunderschönen Quasi-Hauptstadt des Landes. Mit nur 60 Minuten Flugzeit vom winzigen Flughafen der Gold Coast ist man recht fix in Sydney. Ich bin mit einem meiner Mitbewohner und einem deutschen Freund geflogen. Kurz nach der Ankunft morgens gegen acht sind wir direkt mit dem Zug Richtung Central gefahren und haben uns dort ein Hostel gesucht. Die Innenstadt zwischen Central und Circular Quay am Hafen ist recht überschaubar und über die beiden Haupteinkaufsstraßen George Street und Pitt Street in gut 20 Minuten zu Fuß zu durchqueren. Das haben wir dann auch direkt gemacht: Zu Fuß bis Circular Quay, dem Hauptanleger für alle Fähren, die über die Hafenbucht fahren. Von dort blickt man dann auch schon direkt auf die beiden Hauptattraktion der Stadt: die Harbour Bridge zur Linken und das Opera House zur Rechten. Nach den obligatorischen Fotos mussten wir erstmal was essen und Schutz vor dem gießenden Regen suchen. Leider war das Wetter die ersten drei Tage lang recht bescheiden und auch deutlich kälter als an der 800 Kilometer nördlicher gelegenen Gold Coast. Trotz des Wetters war es aber eine willkommene Abwechslung zur artifiziellen Gold Coast und die befreiende Bestätigung, dass es auch Städte mit Historie in Australien gibt. Entlang der Sydneyer Straßen findet man sowohl betagte Backsteinbauten als auch junge Prunktürme, die der Stadt ein sehr vielfältiges Gesicht geben. Ich war jedenfalls begeistert. Die folgenden Tage haben wir dann entlang des Hafenbeckens oder in den vielen Einkaufspassagen und Restaurants verbracht. Klingt alles sehr gewöhnlich, aber es war schön nach wochenlangem Stress einfach mal Touri zu sein!

Am vierten Tag wurde das Wetter deutlich besser und wir schrieben den 25. April. Das heißt in Australien ANZAC Day, steht für “Australian and New Zealand Army Corps” und ist der Nationalfeiertag in Australien und Neuseeland. Die ganze Stadt war voll mit senilen Kriegsveteranen, die zum Gedenken an eigentlich sämtliche Militäraktionen seit dem Einsatz australischer Truppen im Ersten Weltkrieg durch die Straßen ziehen. Für alle Nicht-Kriegsbeteiligten ist der Tag nur Anlass sich eine hübsche Uniform zu leihen und sich mal wieder gehörig die Kante zu geben – aus Frust – weil die unverschämten Briten den tapferen Australiern bis heute angeblich nicht genug Respekt für ihre Unterstützung zollen. Und das obwohl Briten UND Australier am 25. April 1915 von den Türken gleichermaßen einen vor den Latz bekommen haben. Nun ja, alle Australier tun jedenfalls mächtig stolz an diesem Tag und schlagen mal eben 10 bis 15 Prozent auf die Restaurantpreise – für die gefallenen Soldaten natürlich! Lest we forget.

Die Harbour Bridge vom Vorplatz des Opera House. Blick Richtung Westen.

Der fünfte und letzte Tag war dann ausschließlich sonnig und ich habe die letzten Stunden genutzt, um mir die Royal Botanic Gardens und den Südturm der Harbour Bridge vorzunehmen. Abends um sechs konnte ich dann noch beobachten wie die Sonne hinter der Brücke untergeht – herrlich! Weitere Fotos gibt es hier. Ich bin jetzt seit zwei Tagen wieder zurück an der Coast und fliege morgen früh – bzw. in 11 Stunden – nach Cairns, 2000 Kilometer nördlich an der Ostküste in tropischen Breitengraden. Dort bin ich dann drei Tage auf einem Boot und tauche im Great Barrier Reef. Yeah! Fotos werden folgen…

Nachtrag: Die Ruhe nach dem Sturm

Inzwischen sind wieder einige Wochen vergangen. Ich habe bis zwei Tage nach dem offiziellen Semesterende am 19. April geackert wie ein Tier. Nachdem ich dann heute meine letzten beiden Essays abgegeben habe, kehrt wieder etwas Ruhe in mein kurzeitig sehr stressiges Leben an der Gold Coast ein. Alle Bücher sind wieder zurück in der Bibliothek und der Papierkram schlummert in einem dicken Ordner unterm Bett. Die Wäscheberge sind beseitigt, ebenso die unzähligen Dosen guaranahaltiger Aufputschmittel, die Tassen mit den abgestandenen Kaffeeresten sowie diverse Tüten Erdnüsse und Kekse. All das war notwendig, um sechs Hausarbeiten, zwei Klausuren und zwei Präsentationen in sechs Wochen zu schreiben. Das waren mit Abstand die stressigsten Uni-Wochen, die ich bisher erlebt habe. Aber, es war ok und hat tatsächlich Spaß gemacht. Besonders die Präsentation für eine uni-interne Kampagne, die wir für einen der Advertising-Kurse entwickeln mussten. Leider musste ich meinem Team, bestehend aus einem Inder, vier Chinesen und meiner Wenigkeit, erst eine Lektion in Sachen deutscher Gründlichkeit und Pünktlichkeit erteilen bevor wir zu ersten nennenswerten Ergebnissen kamen. An den Klischees ist vielleicht mehr dran als man glaubt. Aber wir haben schließlich vor hochrangigem Publikum, inklusive des Vice Chancellors der Universität, das Haus gerockt und alle anderen Teams hinter uns gelassen. 88 Prozent für das geschriebene Konzept und 90 Prozent für die Präsentation können sich schon sehen lassen.

Meine neue Wohnung in Varsity Lakes. Die Fenster ganz links gehören zu meinem Zimmer.

Aber es ist noch was passiert: Ich bin umgezogen! Ich wohne jetzt in einem sehr amerikanisch anmutenden Vorort namens Varsity Lakes, der tatsächlich noch mehr an Pleasantville erinnert als ich mir vorstellen konnte. Aber die neue Wohnung ist definitiv eine Verbesserung zur vorherigen. Also, was soll’s. Um alles perfekt zu machen musste letzte Woche allerdings noch die Pest Control vorbeikommen. Ein sehr verbreitetes Phänomen in Australien. Ein Typ mit ner Giftspritze kommt zu einem nach Hause und dekontaminiert die gesamte Bude mit Insektenvernichtungsmitteln.

Blick aus meinem Zimmer über Robina, Varsity Lakes und das 'Hinterland' Richtung Osten.

Natürlich völlig ungiftig laut Aussage des Pest Contollers. Aber da wir die Wohnung nicht länger mit handflächengroßen Kakerlaken teilen wollten, ließen wir das Prozedere über uns ergehen. Soweit so gut. Was gibt’s noch Neues? Ach ja! Ich bin außerdem stolzer Besitzer eines Fahrrades und erkunde seitdem fleißig meine Umgebung. Hier schon mal einige Eindrücke meiner neuen Wohngegend. Weitere werden folgen…